Der Terror ist unter uns. Chemnitz, Ansbach, Würzburg – es reicht das bloße Nennen der Städte und jeder weiß, was gemeint ist. Bei Eilmeldungen auf dem Smartphone zucken wir unwillkürlich zusammen. Und als an einem Freitagabend im Juli mitten in der Münchner Innenstadt zehn Menschen erschossen wurden, dachten viele von uns, jetzt ist es soweit. Befürchtet wird ein großer islamistischer Terroranschlag in Deutschland schon lange. Inzwischen wissen wir: Der Amokläufer von München war Deutsch-Iraner. Er hatte sich allerdings keinesfalls im Islam radikalisiert, sondern verstand sich als Rechtsextremist und ermordete gezielt junge Migranten. Gerade dieses Beispiel zeigt, Radikalisierungswege sind selten eindeutig.

Der Terror ist unter uns, so hat der Terrorismusforscher Peter R. Neumann sein neues Buch genannt, eine hochaktuelle Analyse über Terrorismus und Extremismus in Europa. Seine These: Zurzeit geht die wohl größte Bedrohung in Europa vom Dschihadismus aus. Der Dschihadismus habe sich in den letzten Jahren „demokratisiert“. Der Ausdruck mag spontan irritieren. Mit einem „demokratisierten Dschihadismus“ meint Neumann, dass sich inzwischen eine ausgesprochen heterogene Gruppe von der Bewegung angezogen fühlt: Männer und Frauen, Jugendliche und Erwachsene, Studierte und Ungelernte, Menschen mit und ohne muslimische Sozialisation, oft hier aufgewachsen und zur Schule gegangen.

In Europa haben wir es also inzwischen mit einer hausgemachten Radikalisierung zu tun, die zu einer gesellschaftlichen Herausforderung geworden ist. Wir, die Politiker, sind gefordert, darauf zu reagieren – sicherheitspolitisch genauso wie sozialpolitisch. Dabei sind die einfachsten Antworten oft die „falschesten“, warnt Peter R. Neumann. Er hat recht. Und ich möchte ergänzen: Wir kommen nicht umhin, nach richtigen Antworten zu suchen, sie zu geben und notfalls auch wieder zu korrigieren.

Was also ist zu tun?

Was also tun? Bei allem, was wir im Bereich Sicherheitspolitik bereits in die Wege geleitet haben, müssen sich die Sicherheitsbehörden noch stärker vernetzen – national wie international. Ein gutes Beispiel: die Chemnitzer Terrorzelle. Dass der radikalisierte Syrer Dschaber al-Bakr aufgespürt und gefährlicher Sprengstoff sichergestellt werden konnte, ist ein Ergebnis gelungener Zusammenarbeit der Behörden im In- und Ausland. Ein schwerwiegender Anschlag, wie in Paris und Brüssel, konnte verhindert werden. Unser Dank geht an die Ermittlungsbehörden – und ausdrücklich auch an die Syrer, die ihn festgesetzt und der Polizei übergeben haben. Es ist wunderbar, dass ausgerechnet seine Landsleute dem Terrorismus die rote Karte gezeigt haben. 

Die Arbeit der Sicherheitsbehörden erschwert zunehmend, dass sich große Teile der terroristischen Sozialisierung – zunächst – in der digitalen Welt abspielen. Menschen radikalisieren sich im Internet, bekommen dort Kontakt zu Gleichgesinnten und besorgen sich die technische Expertise zum Bombenbau. Auf diese Veränderungen reagieren Verfassungsschutz und Bundesnachrichtendienst bereits. Mein Eindruck ist allerdings: Trotz aller Anstrengungen haben wir den Wettlauf der IT-Experten bisher immer wieder nur gerade noch gewonnen. Meist dank der Hilfe der Amerikaner oder anderer ausländischer Dienste. Das kann nicht zufriedenstellen. Unser Anspruch muss ein anderer sein.

Auch sehen wir, dass die personelle Ausstattung bei Polizei und Sicherheitsbehörden von großer Bedeutung ist. In persönlichen Gesprächen höre ich immer wieder von Überlastung, Millionen angesammelter Überstunden und von der zu oft angewandten „Feuerwehr-Strategie“ – erst wenn es richtig brennt, wird gelöscht. Wenn wir das ändern wollen, brauchen wir deutlich mehr Stellen im Bereich der inneren Sicherheit.

Mindestens genauso wichtig aber ist es, dass wir Extremismus und Radikalisierung sozialpolitisch entgegenwirken. Anstelle der gewaltbereiten Terroristen muss es uns gelingen, den Menschen Anerkennung und Zukunftsperspektiven zu bieten. Denn das Gefühl, nicht dazu zu gehören und auf der Verliererseite zu sein, steht meist am Anfang eines Radikalisierungsprozesses.

Auch Pegida und AfD bekämpfen unsere Gesellschaft

Wer über islamistischen Terrorismus spricht, darf nicht vergessen, dass die Millionen friedlichen Muslime in unserer Gesellschaft unter dem Dschihadismus am allermeisten zu leiden haben. Vorurteile verfestigen sich. Der falsche Name – und schon schwinden die Chancen im Bewerbungsverfahren. Da kann die Schulbildung noch so gut sein. Das ist nur ein Beispiel dafür, wie schnell wir Gefahr laufen, Menschen zu desillusionieren – und in die Hände von Extremisten zu treiben.

Ebenso wenig darf man den islamistischen vom konservativen Extremismus getrennt betrachten. Die konservativen Extremisten von Pegida und der AfD erfahren derzeit einen ähnlich starken Zulauf wie die Dschihadisten. Auch sie bekämpfen unsere freiheitliche Gesellschaft, indem sie Hass und Gewalt schüren. Die Folgen sind Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte, verbale und körperliche Angriffe auf Asylbewerber, aber auch auf Wahlkreisbüros und Politiker. Teile unserer Gesellschaft verrohen in einem unheimlichen Tempo. Und so entsteht ein Teufelskreis. Eine subtile Unzufriedenheit macht derzeit viele Menschen empfänglich für rechtspopulistische genauso wie islamistische Hetze. Beide radikalen Bewegungen sind gut darin, einfache Antworten zu finden. Doch beide liegen falsch damit. Es ist schwer, sich in diesen Zeiten Gehör zu verschaffen mit komplexen Antworten. Aber wir dürfen nicht aufhören, dem Terror unter uns mit unseren, also den Mitteln der Demokratie und des Rechtsstaates, zu begegnen.

Dies ist die Langversion eines Textes für die Frankfurter Allgemeine Zeitung, erschienen am 19. Oktober 2016