Wissenschaftlicherinnen und Wissensschaftler werfen Aigner vor, von einem völlig falschen Verbraucherleitbild auszugehen. So spricht Professor Strünck aus Siegen vom „Wunschbild und Mythos“ des mündigen Verbrauchers. Vor allem Lobbyverbände halten dieses überkommene Leitbild gern aufrecht. Doch die meisten Kaufentscheidungen werden aus Gewohnheit getroffen und nicht sorgfältig abgewogen. Auch das von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Prognos-Gutachten kommt zu dem Schluss, dass ein mündiger und selbstbestimmter Konsum nur mit hohem Aufwand möglich sei und bestimmte Verbrauchergruppen wie Kinder, ältere Menschen oder Allergiker besonders benachteiligt würden. Sie benötigten einen stärkeren Schutz, was Aufgabe des Staates sei. In Teilmärkten habe sich die Marktmacht stark zu Ungunsten der Verbraucherinnen und Verbraucher verschoben. Deshalb fordert das Gutachten, Verbraucherschutzorganisationen zu stärken und Schlichtungsstellen einzurichten. Doch Aigner und ihr Ministerium haben keine Maßnahmen aus dem Gutachten abgeleitet.
Verbraucherpolitik für den Alltag
Die SPD-Bundestagsfraktion beschäftigt sich seit langem mit der Weiterentwicklung des Verbraucherleitbildes, um politische Maßnahmen auf den realen Verbraucher auszurichten. Die Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten haben darauf aufbauend eine verbraucherpolitische Strategie vorgelegt. Darin ist u. a. auch vorgesehen, Gesetzesvorhaben durch einen „Verbraucher-Check“ auf ihre Auswirkungen auf die Verbraucherinnen und Verbraucher zu überprüfen. Zur Beobachtung des Finanz-, Energie- und Gesundheitsmarktes sowie der digitalen Welt sollen „Marktwächter“ bei den Verbraucherzentralen und deren Bundesverband eingerichtet werden. Sie sollen Missstände und Fehlentwicklungen an die Aufsichtsbehörden melden. Außerdem sollen sie Fehlverhalten durch Abmahnungen und Unterlassungsklagen sanktionieren.
Lebensmittelskandale vorbeugen
Außerdem schlägt die SPD-Bundestagsfraktion seit geraumer Zeit eine bessere Rückverfolgbarkeit vor: Vor dem Hintergrund diverser Lebens- und Futtermittelskandale muss durch Herkunftskennzeichnung und Rückverfolgbarkeitssysteme über die gesamten Handels- und Verarbeitungsstufen Markttransparenz hergestellt werden. Außerdem fordert sie endlich alle Untersuchungserkenntnisse der Behörden bekannt zu machen, damit Lebensmitteltäuscher und -panscher öffentlich werden. Des Weiteren soll sich die Bundesregierung auf EU-Ebene dafür einsetzen, dass Fertiggerichte mit einer Nährwert-Kennzeichnung in Ampelfarben versehen werden. Mit einem Restaurantbarometer sollen die Hygienezustände in den Betrieben gekennzeichnet werden. Und es sollen endlich Vorschläge für bezahlbare Mieten und Energiepreise vorgelegt werden.