Jetzt haben wir die reale Chance, die wirklich wichtigen Fragen aufzugreifen. Vollbeschäftigung in den kommenden Jahren ist möglich, und auch wer 2009 noch daran zweifelte, widerspricht nicht mehr. Gleiche Bildungschancen sind machbar, wenn wir nur wollen und die föderale Gemeinschaftsanstrengung hinbekommen. Durch Arbeit und Bildung können wir Emanzipation und Integration unserer Gesellschaft ermöglichen. Wir können eine Gesellschaft des längeren Lebens jetzt gestalten, ohne dass wir innovative Dynamik verlieren und immer tiefere Risse das Land in Gewinner und Verlierer spalten. Wir können eine Gesellschaft des Respekts und der Anerkennung für Frauen und Männer, im Beruf und in der Familie gestalten. Eine Gesellschaft, die an ihre eigene Zukunft glaubt und dabei nicht argwöhnisch unterscheidet, wo jemand herkommt, sondern selbstbewusst danach fragt, wo wir gemeinsam ankommen wollen.
Nicht zuletzt ist die Energiewende greifbar nah, für die Hermann Scheer so leidenschaftlich gekämpft hat. Hermanns Tod ist ein schmerzhafter und unersetzlicher Verlust. Aber sein politisches Leben ist eine Verpflichtung, die wir als seine Fraktion annehmen. Denn mit ihm waren und sind wir der Überzeugung: Ein neues Wachstumsmodell ist möglich geworden, eine neue Art zu wirtschaften und in Wohlstand zu leben, ohne die Exzesse eines enthemmten Finanzkapitalismus hinzunehmen, ohne den Planeten zu plündern und ohne die internationalen Verteilungskonflikte anzuheizen. Wir können es besser machen.
Für diese wirklich wichtigen Ziele haben wir jetzt Handlungsspielraum. Und doch erleben wir ein Land, das verunsichert, eine Gesellschaft, die zerrüttet, eine Regierung, die nicht einmal ihrer eigenen Autorität sicher ist und der es elementar an Orientierung fehlt. Das Vertrauen in die Politik ist beschädigt, denn immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass die Regierung nur noch Lobbygruppen bedient, Bürgerinnen und Bürger belastet und das Gemeinwohl aus dem Blick verliert. Viele spüren es: Deutschland ist an einer Wegscheide. Das Fundament unserer Demokratie wird unterspült, wenn das Vertrauen noch weiter erodiert, dass Menschen in politischer Verantwortung Probleme lösen können. Der Zusammenhalt droht wegzubrechen, wenn jeder das tut, was die Regierung vormacht, und nur noch auf eigene Rechnung kämpft.
Uwe Jean Heuser schreibt in der „Zeit“: „Dieser Aufschwung war die Anstregnung nur wert, wenn er dazu führt, dass die Bürger in der Mitte der Gesellschaft ihre Furcht verlieren und die Bürger unten ihre Hoffnung zurückgewinnen.“