Herr Steinmeier, Deutschland gerät wegen seiner Rolle in der Euro-Krise international immer stärker in die Kritik. Hierzulande aber steigen die Umfragewerte der Kanzlerin. Wie erklären Sie das?

Richtig ist: Europa schaut in diesen Tagen auf uns und hofft inständig, dass Deutschland mehr ist als Angela Merkel. Merkel inszeniert sich als Stabilitätshüterin. In Wahrheit war sie es, die durch ihr Zögern und Zaudern Europa immer tiefer in die Krise getrieben hat.  Noch vor  einem Jahr hat sie gemeinsam mit Nicolas Sarkozy Vorschläge der Kommission für automatische Sanktionen bei Defizitverstößen handstreichartig vom Tisch gewischt. Das waren genau die Vorschläge, nach denen Merkel jetzt ruft –  mit einem Jahr Verspätung. Und wer sich als Lehrmeister in  Europa aufspielt, der sollte erst mal im eigenen Haus Ordnung schaffen und nicht die Neuverschuldung nach oben treiben, wie Schwarz-Gelb das tut.

Trotzdem stützt die SPD bei wichtigen parlamentarischen Sachentscheidungen Schwarz-Gelb.

Europa durchlebt die tiefste Krise seiner Geschichte. Es geht um unsere Währung, unseren Wohlstand und um Jobs in Deutschland. Das alles ist viel zu wichtig, als dass wir es dieser Regierung überlassen könnten. Die SPD war von Anfang an mit eigenen Vorschlägen präsent.  Viele hat die Regierung nach einigem Zetern übernommen. Viel zu spät, nicht im ausreichenden Umfang, nicht entschlossen genug, aber immerhin. Die Besteuerung der Finanzmärkte ist nur ein Beispiel! Es gibt kein rot-grünes oder schwarz-gelbes Europa. Deshalb dürfen wir es nicht im Oppositionsreflex vor die Hunde gehen lassen.

Bislang scheint es Deutschland aber noch besser zu gehen als Ländern wie Frankreich oder Italien.

Niemand freut sich mehr darüber als ich. Wir sind hier in Deutschland lange vor den europäischen Krisen durch wirtschaftliche Täler gegangen, aber wir haben uns dem Schicksal nicht ergeben. Es war die rot-grüne Regierung, die den Schalter umgelegt hat und das Land auf Kurs gebracht hat. Mit anderen Worten: Wir haben in Deutschland die Hausaufgaben gemacht, die andere Länder jetzt unter ungleich schwierigeren Bedingungen vor sich haben. Deutschland hilft das ungemein, aber es ist nichts, auf das Frau Merkel stolz sein kann.

Ist die SPD mit ihrer Agenda-Geschichte ausgesöhnt?

Wir schauen gemeinsam nach vorn!  Wir sind nicht in alte Grabenkämpfe zurückgefallen, sondern  haben uns zu der Verantwortung bekannt, für das, was war, und für das, was kommen wird. Das Gute ist: Fraktion und Partei haben sich gar nicht erst in der Oppositionsrolle eingerichtet, sondern bereiten sich auf Regierungsverantwortung vor.

Auf dem Parteitag wird das mediale Interesse vor allem den drei potenziellen Kanzlerkandidaten gelten. Was versprechen Sie sich von dem Schaulauf?

Diese Diskussion ist doch lächerlich! Wäre auch nur einer der drei in der Parteitagsdramaturgie nicht vorgekommen, würde der Vorwurf lauten, die Partei versteckt ihn. Insofern tun wir alle drei das, was wir auf früheren Parteitagen auch getan haben – wir reden. Und zwar zu unterschiedlichen Themen. Ich glaube nicht, dass das eine Castingshow wird.

Der Parteitag wird keine Hinweise darauf geben, wer 2013 antritt?

Wir legen es nicht darauf an.

Was ist eigentlich wichtiger – der Kandidat oder das Programm?

Ein Programm transportiert sich nicht von selbst. Und die Person, die es als Spitzenkandidat transportiert, muss zum Programm passen. Also gehört beides zusammen.

Der Leitantrag sieht eine Erhöhung des Spitzensteuersatzes von 42 auf 49 Prozent vor. Glauben Sie, dass die SPD damit neue Wähler gewinnen kann?

Das ist eine unzulässige Verkürzung unseres Finanzkonzepts. Keine deutsche Regierung kommt an zwei Aufgaben vorbei: Erstens müssen wir wieder unabhängiger von den Finanzmärkten werden und deshalb die Neuverschuldung reduzieren. Zweitens brauchen wir gleichzeitig mehr Geld für Bildung, Betreuung und Ausbildung. Wer das anerkennt, der kann den Spitzensteuersatz nicht zum Tabu erklären. Es mag riskant sein, aber auch ehrlich, wenn wir sagen: Wer beide Herausforderungen in gleicher Weise meistern will, der muss die Einnahmebasis des Staates sichern, und das geht nicht durch Steuersenkung auf Pump.

Wäre es dann nicht konsequent, zusätzlich drei Prozent Reichensteuer aufzuschlagen, wie es die SPD-Linken fordern?

Das halte ich für unklug. Das Finanzkonzept ist solide durchgerechnet. Ich kann nicht empfehlen, aus lauter Daffke mal eben noch was draufzulegen. Politische Zukunftskonzepte schreibt man nicht für einen Applaus auf dem Parteitag, sondern um Menschen zu gewinnen, die mit der SPD einen Weg mitgehen. Dazu scheinen mir Vorschläge, die über 49 Prozent Spitzensteuersatz hinausgehen, nicht geeignet.

Die Grünen haben auf ihrem Parteitag ganz ähnliche Beschlüsse gefasst. Werden damit die Weichen für Rot-Grün gestellt?

Bis zur Bundestagswahl sind es noch zwei Jahre. Aber Rot-Grün ist mein Ziel. Wir haben trotz unterschiedlicher Wurzeln viele Schnittmengen. Und wir haben miteinander bewiesen, dass wir besser regieren können als die Truppe von Schwarz-Gelb.

Eine Neuauflage der Großen Koalition kommt nicht in Frage?

Die SPD ist kein Ersatzspieler von Frau Merkel, falls die FDP meuternd vom Platz zieht. Wir streben eine eigene Mehrheit an und wollen  stärkste Partei werden.

Sie haben  den Beitrag der Agenda 2010  hervorgehoben. Wie passt dazu, dass Linke auf dem Parteitag die Rücknahme aller rot-grüner Rentenreformen durchsetzen wollen?

Ich glaube nicht, dass es eine Mehrheit dafür gibt. Die Rentenreformen wurden gemacht, weil sich die Mehrheit damals einig war, dass ein Ansteigen der Beitragssätze in Richtung 25 Prozent und des Steueranteils in der Rentenversicherung  die Akzeptanz des Systems der solidarischen Sozialversicherung aushöhlen würde. Die SPD ist gut beraten, weiterhin Maß und Mitte zu halten. Parteitagsbeschlüsse müssen auch für späteres Regierungshandeln taugen.