Christine, was hast du gedacht, als Thomas Oppermann dich fragte, ob du seine rechte Hand werden willst bei der Führung der SPD-Bundestagsfraktion?
Ich habe mich sehr über das Vertrauen, das dadurch zum Ausdruck kam, gefreut. Die 1. PGF (Erste Parlamentarische Geschäftsführerin) und der Fraktionsvorsitzende müssen besonders eng und vertrauensvoll zusammen arbeiten. Das ist ähnlich wie das Verhältnis zwischen Parteivorsitzendem und Generalsekretärin.
Ein besonderer Rückhalt sind auch die 95 Prozent Zustimmung bei meiner Wahl in der Fraktion.
Was waren am Anfang Deiner neuen Aufgabe die größten Herausforderungen für dich?
Es hat schon ein bisschen gedauert, sich einzuarbeiten und alles im Blick zu haben. Es ging ja auch gleich richtig los. Die Ausschüsse mussten verhandelt und die Gremien mussten besetzt werden. Wir mussten mit der Opposition über die Neuordnung der Oppositionsrechte für die 18. Wahlperiode verhandeln. Dazu ging es dann noch um die Neuregelung der Abgeordnetenentschädigung und die Einführung der Strafbarkeit der Abgeordnetenbestechung.
Viele Bürgerinnen und Bürger haben keine rechte Vorstellung davon, was man als Parlamentarische Geschäftsführerin macht. Was sind deine wichtigsten Aufgaben?
Oberste Aufgabe der 1. PGF ist es, die Fraktion im Bundestag zu organisieren. Das umfasst auch inhaltliche Abstimmungen fraktionsintern und mit den anderen Fraktionen. Als Regierungsfraktion heißt das eine besonders enge Zusammenarbeit mit dem Koalitionspartner. Dazu kommen noch die Länder, in denen die SPD regiert bzw. mitregiert. Das bedeutet eine große Menge an Terminen, Koordinierungsrunden und Telefonschaltkonferenzen. Die Plenarabläufe müssen vorbereitet und organisiert werden.
Das mache ich natürlich nicht alleine. Zu meinem Bereich gehören unter anderem der Fraktionsgeschäftsführer, der Parlamentsdienst und die Finanzbuchhaltung. Alle leisten eine hervorragende Arbeit, die ineinander greift und einen reibungslosen Ablauf garantiert. Die SPD-Bundestagsfraktion ist da sehr gut aufgestellt.
Lediglich als reine "Fraktionsmanagerin“ sehe ich mich allerdings nicht. Ich nutze das Amt aufgrund seiner großen öffentlichen Wahrnehmung, um mich auch inhaltlich einzubringen.
Wie muss man sich einen typischen Arbeitstag von dir vorstellen?
Einen „typischen“ Arbeitstag habe ich nicht. Es gibt aber einen bestimmten Ablauf von Gremiensitzungen. Die Sitzungswoche beginnt mit dem SPD-Präsidium, dann kommt der Parteivorstand, dann die Runde mit den anderen Parlamentarischen Geschäftsführerinnen der Fraktion.
Schließlich folgen der geschäftsführende Fraktionsvorstand und der Fraktionsvorstand direkt aufeinander. Die Landesgruppe rundet dann den Montagabend ab. Der Dienstag beginnt mit dem Koalitionsfrühstück mit Thomas Oppermann, dem Fraktionsvorsitzenden der CDU/CSU und dem 1. PGF der Union. Um die Mittagszeit folgen die Runde mit den 1. PGFs der anderen Fraktionen, dann die Sitzung mit unseren AG-Sprechern und schließlich die Fraktionssitzung.
Am Mittwoch berichte ich gegenüber der Hauptstadtpresse über die geplante Sitzungswoche sowie über aktuelle Themen und Diskussionen in der Fraktion.
An den restlichen Tagen der Woche folgen weitere Gespräche und Sitzungen, zum Beispiel im Ältestenrat und die Kernzeit im Plenum am Donnerstag und am Freitag. Es steht auch viel Arbeit im Büro an. An den Wochenenden stehen dann Termine im Wahlkreis oder diverse Klausursitzungen im Kalender.
Die Wochen, in denen keine Sitzungen stattfinden, sind für den Wahlkreis reserviert und manchmal auch für die Familie.
Wie gelingt es, eine so große Fraktion wie die der SPD zusammenzuhalten? Wie lässt sich das organisieren?
Das ist nicht immer einfach. Im englischen nennt man Leute mit meiner Funktion „Chief Whip“, also „Chefpeitsche“. Die brauchte ich bislang aber nicht. Ich setze auf Vertrauen, den Austausch von Argumenten und auf die Einsicht, dass wir nur gemeinsam etwas erreichen können.
Wie eng arbeitest du mit deinen Pendants von der Union, Michael Grosse-Brömer und Gerda Hasselfeld, zusammen?
Die Zusammenarbeit mit meinen Pendants bei der Union ist sehr wichtig. Besonders der Kontakt mit Michael Grosse-Brömer ist sehr intensiv. Wir sind füreinander in der Regel rund um die Uhr erreichbar, um Fragen der Koalition abzustimmen. Das hat sich bisher auch sehr konstruktiv bewährt.
Was sind deine persönlichen Ziele für die nächsten Jahre?
Mein Ziel ist, dass wir vier Jahre eine erfolgreiche Arbeit in der großen Koalition machen und etwas für die Menschen erreichen. Ich will, dass die Fraktion, aber auch die ganze Partei und die Wählerinnen und Wähler am Ende der Legislaturperiode sagen: Die SPD hat erfolgreiche Arbeit gemacht und viel umgesetzt. Die Themen liegen auf der Hand: Wir haben die Rente reformiert, die Mütterrente eingeführt, das Erneuerbare-Energien-Gesetz neu geregelt und werden das Mietrecht sozialer gestalten. Vor allem ist der Mindestlohn auf den Weg gebracht. Der Koalitionsvertrag ist noch voll von weiteren wichtigen Projekten mit sozialdemokratischer Handschrift, die wir in Angriff nehmen müssen.
Das Interview führte Alexander Linden