BILD am SONNTAG: Herr Steinmeier, was finden Sie an Elefanten sympathisch?

FRANK-WALTER STEINMEIER: Mir gefällt die ruhige Kraft, die in ihnen liegt. Und dann sagt man ihnen ein extrem gutes Gedächtnis nach. Das alles ist doch ganz sympathisch!

Man bezeichnet Elefanten als Dickhäuter, obwohl sie extrem sensibel sind. Sie verfügen über große Disziplin, sind ideale Arbeitstiere. Kommt Ihnen das irgendwie bekannt vor?

So richtig passen Vergleiche aus dem Tierreich ja nie, aber wenn schon, dann bin ich mit einem Elefanten einverstanden.

Vor welchen großen Tieren haben Sie Angst?

Wenn Sie die Frage aufs Tierreich beziehen: Ich mag Krokodile überhaupt nicht. In der Politik sollte man keine Angst vor großen Tieren haben.

Wir dachten, Sie würden jetzt 
Angela Merkel nennen, denn selbst gemeinsam schafft es die SPD-
Troika nicht, der Kanzlerin gefährlich zu werden...

Frau Merkel macht vielleicht noch ihrer Partei und ihrem Kabinett Angst, weil sie fürchten müssen, wie Herr Röttgen von einem Tag auf den anderen gefeuert zu werden. Aber ganz sicher nicht der SPD. Die Regierung Merkel hat in weniger als drei Jahren ihre eigenen Wähler massenhaft enttäuscht und keine Mehrheit mehr hinter sich. Nach der Bundestagswahl wird es keine Wiederholung von Schwarz-Gelb geben, und das weiß sie auch.

Aber Angela Merkel ist unbestritten die beliebteste Politikerin des Landes, auch im siebten Jahr ihrer Kanzlerschaft ist von Merkel-Müdigkeit der Bürger nichts zu spüren. Und darauf kommt es am Wahltag entscheidend an: Wen wollen die Deutschen als Kanzler?

Merkels Stern sinkt doch unverkennbar. Und regieren kann in einer Demokratie nur, wer eine Mehrheit hinter sich bringt. Das ist erkennbar nicht die Union. Schwarz-Gelb ist in allen Landtagswahlen seit 2009 abgewählt worden. Die SPD wurde hingegen elfmal in Regierungsverantwortung gewählt. Und was die Beliebtheitswerte angeht, dominieren auch wahrhaftig nicht Christdemokraten auf den vorderen Plätzen.

Der Wettbewerb der drei Kandidaten für die Kanzlerkandidatur sollte die SPD interessant machen. Doch Gabriel, Steinbrück und Sie selbst verweigern jeden Wettbewerb. Stattdessen erleben die Wähler einen mutlosen Nichtangriffspakt. Warum macht die SPD so wenig aus ihrem Kandidatenreichtum?

Die SPD ist so geschlossen wie seit vielen Jahren nicht mehr. Und wir haben ein gemeinsames Ziel. Wir wollen 2013 den Kanzler stellen und diese Koalition mit Rot-Grün ablösen. Die Menschen sind komplett enttäuscht von dieser Bundesregierung und von der SPD erwarten sie wieder etwas. Deshalb wäre es völlig falsch, anderthalb Jahre vor dem Wahltermin einen öffentlichen Schaukampf um die Kanzlerkandidatur zu eröffnen. Das mögen Medien anders sehen. Aber es bleibt dabei: Wir entscheiden uns Anfang 2013.

Sie sind derzeit der populärste Sozialdemokrat, waren Kanzleramtschef, Vize-Kanzler und Kanzlerkandidat. Warum sagen Sie nicht: Ich will es und ich werde es gut machen, wenn meine Partei und die Wähler mich zum Kanzler bestimmen sollten?

Die Mitglieder der Troika mögen unterschiedliche Eigenschaften haben, aber an Selbstbewusstsein mangelt es keinem. Ich weiß, was ich kann. Aber es ist nicht unser Interesse, jetzt in einen öffentlichen Schaukampf gegeneinander einzutreten. Der politische Gegner steht woanders.

Dass Sie noch nicht sagen wollen, ob Sie Kanzlerkandidat werden wollen, haben wir jetzt begriffen. Aber vielleicht verraten Sie uns, was ein Kanzler Steinmeier anders machen würde als Merkel. Würde zum Beispiel das Betreuungsgeld, das Union und FDP beschließen wollen, einen Machtwechsel 2013 überleben?

Das Betreuungsgeld ist der komplett falsche Weg. Es ist zynisch, wenn in Zeiten klammer Kassen die Politik jährlich zwei Milliarden Euro ausgibt, um Familien wie der meinen das Au-pair-Mädchen zu zahlen, während andere Familien, die auf öffentliche Betreuungseinrichtungen angewiesen sind, nichts obendrauf bekommen. Richtig gefährlich ist das Betreuungsgeld, weil es gerade die Kinder aus öffentlichen Kitas fernhält, die es am dringendsten brauchen. Wenn die Regierung das Betreuungsgeld gegen alle Kritik durchpeitscht, muss es nach 2013 wieder vom Tisch. Die SPD wird in der Regierung die Mittel stattdessen in den Kita-Ausbau stecken, um das große Versprechen nach einem Rechtsanspruch auf einen Krippenplatz zu erfüllen.

Deutschland soll demnächst über 300 000 Euro pro Tag an Strafe zahlen, weil sich zwei Minister nicht über die Vorratsdatenspeicherung einigen können. Würden Sie da zum Basta-Kanzler?

Ob Vorratsdatenspeicherung oder Energiewende – das Muster ist das gleiche: Frau Merkel sieht zu, wie sich die Fachminister untereinander zerlegen, die ordnende Hand des Kanzleramtes wird nicht sichtbar. Das „dahin“, das „daher“ – wer im Kanzleramt sitzt, darf den Streit nicht monatelang treiben lassen, der muss ordnen, Richtung geben und die Dinge in die Hand nehmen. Das ist jedenfalls meine Erfahrung aus vielen Jahren Kanzleramt.

Unabhängig davon, was man in der Sache bei der Vorratsdatenspeicherung für richtig hält: Darf Deutschland so brutal gegen EU-Recht verstoßen?

Der Konflikt zwischen Innenminister Friedrich und Justizministerin Leutheusser-Schnarrenberger hätte jetzt entschieden werden müssen – und zwar vom Kanzleramt. Die Zerstrittenheit dieser Regierung kostet den Steuerzahler Millionen.

Spanien soll jetzt mehr Zeit erhalten, seine Staatsfinanzen in Ordnung zu bringen. Und die Weltbank fordert, dass mit den Milliarden aus dem Euro-Rettungsschirm spanische 
Banken gerettet werden sollen. 
Halten Sie das für richtig?

Die spanische Wirtschaft wird ohne ein funktionierendes Kreditsystem kollabieren. Es geht um das gemeinsame europäische Interesse, den Verfall einzelner europäischer Volkswirtschaften zu verhindern. Aber gerade wenn das ohne Stabilisierung des Finanzsektors nicht geht und Stützung aus öffentlichen Mitteln notwendig wird, kann es doch nicht sein, dass die Bundesregierung weiterhin die Besteuerung der Finanzmärkte blockiert. Es muss jetzt endlich eine Beteiligung der Finanzmärkte an den Kosten der Krise geben. Das ist eine Frage von Anstand und Gerechtigkeit.

Muss die Finanztransaktionssteuer beschlossen sein oder reicht Ihnen für die Zustimmung zum Fiskalpakt eine Absichtserklärung der Kanzlerin?

Eine Absichtserklärung hatten wir schon, darauf werden wir nicht erneut vertrauen. Wir brauchen eine klare Entscheidung des Kabinetts zur Besteuerung der Finanzmärkte. Sonst werden viele dem Fiskalpakt nicht zustimmen können, erst recht nicht die SPD. Denn wachstumsfördernde Impulse, die Arbeitsplätze sichern, sind als Ergänzung unumgänglich. Einzelne Maßnahmen werden auch Geld kosten und dazu müssen wir endlich diejenigen heranziehen, die die Krise mit verursacht haben.

Sollte Finanzminister Schäuble nächster Euro-Gruppen-Chef werden? Sie könnten ja bei Ihrem Parteifreund, dem französischen Präsidenten François Hollande, ein gutes Wort für ihn einlegen ...

Ich halte nichts von dieser Idee. Die Dominanz Deutschlands in der europäischen Finanzpolitik ist schon jetzt wegen unserer wirtschaftlichen Stärke übergroß. Es wäre klug gewesen, die Leitung der Euro-Gruppe einem kleineren Partner zu überlassen. Aber wenn Deutschland wider besseren Wissens auf seinem Personalvorschlag besteht, wird es sich durchsetzen. Ob uns das gut tut, ist eine andere Sache.

Die Kanzlerin will am Montag in einem Koalitionsspitzengespräch die wichtigsten Streitpunkte beilegen. Trauen Sie Schwarz-Gelb einen Neustart zu?

Ich habe nicht mehr mitgezählt, der wievielte Neustart es sein soll. Die Versicherung, dass nun alles anders werden soll, langweilt die Menschen. Jeder weiß, dass daraus nichts wird.

Sie haben als Kanzlerkandidat die Erfahrung gemacht, wie schwer es ist, einen Wahlkampf ohne eine echte Machtoption zu führen. Das kann sich 2013 leicht wiederholen.

Für die Kanzlerin wird das so sein. Frau Merkel und die Union haben die Machtoption verloren, weil es für Schwarz-Gelb nicht reichen wird.

Wir meinten aber die SPD, denn Rot-Grün hat seit Monaten keine Mehrheit in den Umfragen. Holen sich SPD und Grüne dann doch die Linkspartei ins Macht-Boot? Mit dem Rückzug Oskar Lafontaines dürfte das größte Hindernis für die SPD beseitigt sein ...

Lafontaine hinterlässt keine ernstzunehmende Partei. Das Projekt einer bundesweiten Partei links neben der SPD ist gescheitert. Unter dem Deckmantel des Parteinamens hat die Aufspaltung zurück in die alte Ost-PDS und die westdeutsche WASG begonnen. Ich kann nicht erkennen, was daran für die SPD ein attraktiver Koalitionspartner sein soll. Die Linkspartei hat bewiesen, dass sie nicht in der Lage ist, Interessen von Menschen zu vertreten. Stattdessen hat sie sich über Monate eitle Streitereien des Führungspersonals geliefert.

Hört der Streit in der Linkspartei jetzt auf?

Ich glaube nicht, dass die Wahl eine befriedende Wirkung hat, dafür sind die Fliehkräfte in der Partei zu groß. Die Linkspartei ist reihenweise aus den westdeutschen Parlamenten geflogen, das wird bei den nächsten Wahlen so weitergehen und den Spaltungsprozess der Partei beschleunigen.

Dann bleiben als Machtoption für 2013, wenn es für Rot-Grün nicht reicht, nur noch eine Ampel mit Grünen und FDP oder eine Große Koalition mit der Union. Was wäre aus Ihrer Sicht das kleinere Übel?

Die Große Koalition liegt hinter uns, nicht vor uns.

Können Sie sich vorstellen, zu werden, was Sie schon waren: Minister und Vizekanzler in einem Kabinett Merkel?

Die SPD wird den nächsten Kanzler stellen, deshalb stellt sich die Frage nicht.

Der französische Präsident Hollande denkt über ein militärisches Eingreifen in Syrien nach. US-Präsident Obama hält ein Einschreiten notfalls auch ohne Zustimmung des Sicherheitsrates für möglich. Ist eine militärische Intervention die letzte Möglichkeit, Syriens Herrscher Assad zu stoppen, sein 
eigenes Volk zu massakrieren?

Militärische Interventionen lösen die Probleme nicht, das sehen wir an Libyen, wo die Gewalt weitergeht, auch wenn die Kameras lange abgebaut sind. Im Fall von Syrien muss alles dafür getan werden, mit diplomatischem Druck und Sanktionen Assad davon abzubringen, weiter Gewalt gegen sein Volk auszuüben. Dazu brauchen wir China und Russland, die den Weg über den Sicherheitsrat mitgehen müssen. Und noch mehr brauchen wir die arabische Welt, die nach Wegen zum Abschied Assads von der Macht suchen muss.

Im August jährt sich Ihre Nierenspende für Ihre Frau Elke zum zweiten Mal. Ist Ihr Leben noch verändert oder gehört es zum Alltag?

Das Schöne ist: Die Operation hat unser Leben, unseren Alltag normalisiert. Bis dahin war die Krankheit meiner Frau präsent und eine tägliche Einschränkung, und mit zunehmender Verschlechterung war auch die mögliche Dauer der gemeinsamen Jahre ein Thema. Heute reden wir oft über Tage und Wochen nicht mehr darüber, das ist ein Riesenballast, der da abgefallen ist – und ein großes Glück.

Würden Sie sagen: Das war meine wichtigste Tat?

In meinem Privatleben die richtigste und die wichtigste Entscheidung. Ja!